Der Landeskunde-Blog

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Die Irrfahrten des Odysseus

Gehört - gesehen - gelesenPosted by Redaktion Thu, April 22, 2010 22:43:41
Homers Odyssee gehört bekanntlich zum abendländischen Kulturerbe. Darin wird berichtet, wie Odysseus, der Held, nach dem Trojanischen Krieg gute zehn Jahre in der damaligen Welt herumgeirrt ist, um nach Hause zu kommen. In Zahlen ausgedrückt: Für eine Strecke von 1200 km zehn Jahre. Inklusive Polyphem, Skylla und Charybdis, Sirenen, einer in Schweine verwandelnden Kirke und diversen anderen Abenteuern. Pro Jahre 120 km. Da legt mancher Ich-bin-dann-mal-weg-Wanderer locker zu Fuß weitere Strecken zurück.
Nun aber der Medien-Hype des vergangenen Wochenendes. Da sitzen Urlauber in Malaga fest und kommen nicht nach Hause, weil im fernen Nibelungen-Island ein Vulkan Asche in die Luft pustet. Gut, ich BIN konservativ und denke, wenn ich wohin fahre, wo ich nicht notfalls zu Fuß wegkomme, dann trag ich ein gewisses Verkehrsrisiko.
Polyphem muss draußen bleiben: Malaga, das römische Amphitheater mit der Befestigung des Alcazaba (© Wikimeoda Commons)

Aber, liebe Heidelberger Rhein-Neckar-Zeitung, wenn der Urlauber-Bus von Malaga nach Frankfurt für 2288 km Landweg nunmal 35 Stunden braucht, dann ist das rein rechnerisch eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 70 km/h (bei zwei Stunden Pause). Da ist nicht die geringste Zeit für Zyklopen-Abenteuer, und nennenswerte Umwege wird der Bus auch nicht gemacht haben.
Odysseus hätte bei der Geschwindigkeit nur 17 Stunden gebraucht. Und Homer wäre mit dem Schreiben gar nicht nachgekommen.
Die Bahn hätte übrigens nur zwischen 22 und 27 Stunden gebraucht. Auch direkt, auch ohne Zwischenstop bei Zyklopen, aber halt mit 3 bis 5 mal Umsteigen.
Umsteigen wiederum ist manchmal so aufregend wie eine Begegnung mit Sirenen. Davon ahnt der bequeme Bus-Insasse nichts.
Wider Erwarten ist die FAZ in dem Fall auch nciht besser und dichtet der Kanzlerin eine "Odyssee" an, nur weil sie mit dem Bus über die Alpen fuhr.
Also bitte... seids ein bissel sorgfältig mit euren Worten. Nicht jede lange Fahrt ist gleich eine Odyssee. Zu der gehört mehr als nur Druckerschwärze.