Der Landeskunde-Blog

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Halbwahrheiten verkaufen sich besser

Gehört - gesehen - gelesenPosted by Redaktion Sat, March 28, 2009 23:37:16
In Berlin, im ehemaligen Ostsektor, zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke, steht die East Side Gallery als Rest der Mauer, mehr als einen Kiliometer lang, und nach der Wende von Graffiti-Künstlern bemalt. Sie ist ein Zeitzeugnis und steht unter Denkmalschutz. Wer noch nichts von ihr gehört hat, möge sich bei Wikipedia erkundigen.

Die Tatsache, dass der Beton allmählich verwitterte, veranlasste nun die Künstlerinitiative East Side Gallery, eine Sanierung zu veranlassen. Die Graffiti wurden entfernt, damit der Beton ausgebessert werden kann.
Nun schlagen die Medien zu. Die Heidelberger Rhein-Neckar-Zeitung, für gewöhnlich nicht gerade zimperlich, wenn es um Grundprinzipien des Denkmalschutzes geht, belässt es bei dem Aufschrei des Moskauer Künstlers, der den "Bruderkuss" gemalt hatte: „Wo ist mein Werk?“ und "Ich kann das doch nicht einfach das Gleiche noch einmal malen", wurde Vrubel zitiert. Übrigens ein Zitat, das er medienwirksam in der Bild-Zeitung verbreitete.
Ihre Überschrift: "Mauerbilder sind weg".
Ende des Artikels. Knallhart: Die Künstler sollten ihre Bilder neu malen.

Der geneigte Leser schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und ist entsetzt über die Banausität in der Hauptstadt. Dass die Rhein-Neckar-Zeitung mit dem "Hortus Palatinus" des Salomon de Caus am Heidelberger Schloss Ähnliches (also eine lapidare "Neuschöpfung") jubelnd begrüßt hatte - wer weiß das schon noch.
Wer allerdings die Berliner Morgenpost aufschlägt - virtuell, sie ist ja im Internet vertreten - erfährt, dass das Ganze, so man die gesamte Geschichte kennt, doch etwas anders aussieht.
In der Tat wurden die Graffiti entfernt - notgedrungenerweise. In der Tat war der Moskauer Künstler entsetzt - kurzzeitig. Allerdings hat der Vorsitzende der Künstlerinitiative Kontakt zu allen Künstlern aufgenommen, die noch zu erreichen waren. „Alle Künstler, zu denen ich noch Kontakt habe, haben sich bereit erklärt, ihre Werke noch einmal zu malen.“ So der Vorsitzende in der Berliner Morgenpost.
Auch Vrubel.
Sollte man da nicht doch lieber auf eine Meldung verzichten als nur Halbwahrheiten zu verbreiten?

Hätte man an dieser brisanten Stelle nicht im Feuilleton eine Diskussion führen können, ob eine wiederholte „Kunst“, auch wenn derselbe Künstler sie gestaltet, immer noch „Kunst“, authentische Kunst ist?



Der Artikel in der Berliner Morgenpost.


(Bild: Wikimedia Commons)