Der Landeskunde-Blog

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Lahr am Ende des Alten Reiches

BadischesPosted by Redaktion Wed, June 19, 2013 17:21:43

Ein paarmal kam ich nach Lahr, einem nassauingischen Städtchen, welches 700 Bürger und im ganzen ohngefähr 7000 – 8000 Seelen fasset. Es liegt am Fuße eines langen Weinbergs, der sich da endiget und nur eine kleine Meile von Mahlberg entfernt ist. So unbeträchtlich der Ort wegen seiner Größe scheinet, so ist er doch äußerst belebt und voll Gewerbe. Der größte Teil der Inwohnerschaft bestehet aus Handwerks- und Kaufleuten; es werden dort vorzüglich viele Pelzwaaren für den Landmann verfertiget und sehr weit verführet. Die Herren Gebrüder Lotzbeck haben allda ein große Tabakfabrik angelegt, wo ich eine Taue Tabakblätter, so wie sie aus Virginien ankam, gesehen habe; sie wurde in meiner Gegenwart aufgeschlagen und ein Stück von denen Blättern mittelst eines Beils mit großer Mühe heruntergeschlagen; diese sind mit langen holzenen Nägeln sehr fest zusammengepackt und gegen die Mitte der Taue waren sie ganz warm. Ein nur allein von diesen Blättern gefertigter Tabak solle wegen seiner Stärke gar nicht genießbar sein, sie werden also nur in kleinen Portionen mit anderen vermengt.

Man wirft denen Inwohnern dieses Städtchens vor und, wie ich mich selbst zu überzeugen Gelegenheit hatte, mit allem Grund, dass sie im Handel die Juden an List weit überträfen; an einem Zopfbande von 3 Ellen fehlet gewiss wenigstens ein Achtel, und an einem Pfund Zucker, Kaffee etc. ein, auch zwei Lot. Die Untertanen der Herrschaft Mahlberg haben mit ihnen sehr viel Verkehr; jene bringen Früchte und Hanf hin, und diese wissen immer dem Verkäufer wenigstens für einen großen Teil des Geldes Waaren anzuschwätzen; ein Teil des Erlöses bleibt in denen Schänken liegen und derjenige, den der Bauer mit sich nach Hause bringt. ist oft der geringste. Überdies ist Lahr immer der Zufluchtsort, aber zugleich das Verderben für jene, welche Geld aufnehmen wollen; auch hierinfalls solle sich der Lahrer Bürger in Rücksicht auf Wucher vor vielen Juden auszeichnen. Man hat mir gesagt, dass die Mahlberger Untertanen wenigstens 40.000 – 60.000 Gulden dahin schuldig seien. Nach meinen Gedanken verdiente dieser Umstand allerdings eine Untersuchung und Beherzigung vonseite der badischen Regierung und Rentkammer.

Dieser Auszug aus einem unbekannten Werk befindet sich als Kopie, vermutlich eines Drucks des 19. Jahrhunderts, in meinem Besitz. Er dürfte etwa zwischen 1774, dem Gründungsjahr der Lotzbeck’schen Tabakmanufaktur, und 1803, dem Ende der nassauischen Herrschaft, entstanden sein. Hinweise auf die Herkunft des Texts sind willkommen.