Der Landeskunde-Blog

Der Landeskunde-Blog

Der Landeskunde-Blog

bringt, was nicht gerade
Nachrichten-Charakter hat -
Beobachtungen, Notizen, Anmerkungen
Er bringt zusätzliche Informationen
aus 100 Jahren Badischer Heimat.

Die zweite Frau ist eine Nichte des Ehemanns der Tochter

Macht und GlaubePosted by Redaktion Wed, August 21, 2013 14:12:05
Nein, das ist für Normalsterbliche nicht zu verstehen. Auch nicht, wenn man es umgekehrt formuliert, dass also der Mann der Tochter aus erster Ehe der Onkel der zweiten Frau ist.

Es geht hier um das Netzwerk, das der lutherische Kurfürst Ludwig VI. (1539-83) aufbaut. Seine Tochter Anna Maria (* 1561) heiratete 1579 den schwedischen Herzog Karl von Södermanland. So weit, so gut. Der Kurfürst will damit, ebenso wie der 5. Sohn des (damals bereits verstorbenen) Schwedenkönigs Gustav I. Wasa, das lutherische Lager stärken – dieser in Schweden gegen die katholischen Ambitionen seines Bruders Sigismund, jener in Deutschland, vermutlich gegen die reformierten Ambitionen, die auch sein Bruder Johann Casimir teilt.

Karl IX. von Schweden (Nationalmuseum Stockholm, Wikimedia Commons). Karl IX. trägt übrigens die gleichen unförmigen Beinkleider wie Friedrich IV.

Um dieses Netzwerk zu stärken, heiratet Ludwig VI: nach dem Tod seiner ersten Frau Elisabeth von Hessen (+ 1582) im Jahr darauf noch einmal – offenbar in der Hoffnung auf ein langes Leben. Die zweite Ehe mit Anna von Ostfriesland (1562 – 1621) dauert indessen nur wenige Monate, der Kurfürst stirbt mit 44 Jahren 1583. Wer nun ist diese Anna von Ostfriesland?

Anna von Ostfriesland, bei der Eheschließung 21 Jahre alt, ist die Tochter des Herzogs Edzard und der schwedischen Königstochter Katharina Wasa, der Tochter besagten Königs Gustav I. Wasa. Damit ist sie die Nichte von dessen (fünftem) Sohn Karl, des Schwiegersohns Ludwigs VI.

Aus der zweiten Ehe Karls von Södermanland, der ab 1607 unangefochten König von Schwden war, mit Christine von Holstein-Gottorp geht Gustav II. Adolf hervor, der zwar nicht unmittelbar mit Kurpfalz verwandt, aber doch Bestandteil dieses Netzwerks war.

Das Netzwerk um Anna von Ostfriesland indessen setzt sich fort, indem die junge Witwe bereits 1585 den ehemals unter der Vormundschaft des Kurfürsten Ludwig VI. stehenden Markgrafen Ernst Friedrich von Baden heiratet. Dieser holt sich 1588 den Straßburger Baumeister Johannes Schoch in die Markgrafschaft und lässt sich an der Stelle des Klosters Gottesaue von diesem ein Jagdschloss bauen. 1599 tritt der Markgraf zum reformierten Bekenntnis über.

Über Anna Maria, des Kurfürsten Ludwig VI. Tochter, und ihrer Tochter Katharina, die den Pfalzgrafen Johann Kasimir von Kleeburg heiratet, kommt schließlich das schwedische Königtum mit Karl X., Karl XI. und Karl XII. in das Haus Pfalz-Zweibrücken – das einzige Königtum der Wittelsbacher vor 1806, das sich über mehrere Generationen vererbt. Karl X. von Schweden hat damit einerseits Ludwig VI. von der Pfalz, andererseits Gustav I. Wasa als Urgroßväter.

Ach ja, wir haben noch ein kleines Problem.

Im Wikipedia-Artikel über Anna Maria steht, sie sei kalvinistisch gewesen. Alt Tochter eines streng lutherischen Kurfürsten ist das kaum vorstellbar.
Aber in dem Artikel steht auch, es gebe kein Porträt von ihr. Ein Besuch in der Ausstellung lehrt hier ein Besseres.

Und das ganze gibts zum Nachvollziehen auf einer Stammtafel auf Landeskunde online





Der Pagenturm im Heidelberger Schloss

Macht und GlaubePosted by Redaktion Fri, July 12, 2013 08:55:39
Sinnfälligster Ausdruck der Veränderungen, die um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert mit dem Heidelberger Residenzschloss der Kurfürsten von der Pfalz vorgehen, ist der Pagenturm, die Aufstockung des "Apothekerturm" genannten mittleren Festungsturms der Ostseite. Unter Kurfürst Friedrich IV. (das ist der, der von den Jesuiten und den leichtgläubigen und trunkgierigen Studenten des 19. Jahrhunderts als Saufkopf verschrieen wurde) wandelte sich das Schloss von der reichsfürstlichen Residenz des 16. zur königsgleichen Residenz des 17. Jahrhunderts.

Ausschlaggebend hierfür waren zwei Faktoren: Zum einen die Ehe des Kurfürsten mit Louise Juliane von Oranien, die einerseits die Verbindung zur royalen Statthalterfamilie der Niederlande öffnete, andererseits aber das Bewusstsein geschaffen haben dürfte, über deren Mutter Charlotte von Bourbon-Montpensier verwandtschaftlich in die höchste Schichte des europäischen Hochadels vorgestoßen zu sein. Zum anderen war da aber auch Fürst Christian von Anhalt, der eben diese "europäische" Position der Kurpfalz und ihres Kurfüsten tatkräftig förderte, um das reformierte Lager für die kommende Auseinandersetzung um konfessionelle Freiheit und um Brechung oder Fortbestand der habsburgisch-katholischen Dominanz im Reich zu stärken.

In diesem Zusammenhang, um also die Heidelberger Residenz auch im Zeremoniell "königlich" zu machen, steht die Aufstockung des Personalbestands im Schloss auf 680 Personen, steht die Aufstockung des Apothekerturms unter Friedrich IV. um drei Stockwerke, um Räume für die zusätzlichen Pagen zu bekommen. Die Renaissance-Wendeltreppe in diesem Aufbau - im oberen Teil zerstört, nur im Rahmen von Sonderführungen zu besichtigen - schwingt sich elegant um eine offene Spindel.

Das Blutbad von Wassy – der Beginn der Hugenottenkriege in Frankreich

Macht und GlaubePosted by Redaktion Wed, June 26, 2013 23:08:28

Am 1. März des Jahres 1562 versammeln sich in der kleinen Gemeinde Wassy in der Champagne etwa 5-600 Reformierte in einer Scheune zu einem Gottesdienst. Damit verstoßen sie gegen das kurz zuvor erlassene königliche Edikt (Januar-Edikt oder Edikt von St. Germaine), nach dem protestantische Gottesdienste nur außerhalb der Städte und befestigten Orte stattfinden durften.

Der Herr des Ortes Wassy, Herzog François de Guise, selbst ultrakatholisch und ein erbitterter Gegner der von der Königin Katharina de Medici eingeleiteten Toleranzpolitik, kommt mit einem Trupp bewaffneter Reiter in den Ort, hört von dem Gottesdienst und versucht, die Versammlung auseinander zu treiben. Nach seinen eigenen Angaben hätten die Protestanten ihrerseits einen Gottesdienst seiner Leute durch ihren Gesang vor der Kirche gestört.

Aus dieser Konfrontation entwickelt sich das Massaker von Wassy, das auf protestantischer Seite 31 Tote und einhundert Verletzte, nach anderen Berichten über 40 Tote und 150 Verletzte kostete.

Im Gefolge dieses Massakers fielen Protestanten weiteren Massakern, einer ersten „Bartholomäusnacht“, in Sens, Tour, im Maine und im Anjou zum Opfer.

Die Beurteilung der Historiker betrifft vor allem den zufälligen Charakter des Zwischenfalls. Wenn man auch dem Herzog de Guise keinen zielgerichteten Plan zur Vernichtung der Protestanten unterstellen kann, hat er doch die Gelegenheit genutzt, die ihm verhasste und als ketzerisch angesehene Partei einzuschüchtern. Insofern ist weniger die Gelegenheit, wohl aber das Ausmaß des Massakers zufällig. Zu dieser antiprotestantischen Haltung der de Guise kommt noch ihre Rivalität mit dem französischen Königtum, gegenüber dem sie durch die eingeleitete Toleranzpolitik an Einfluss zu verlieren glaubten.

Das Blutbad gab den Anlass zum Ersten Hugenottenkrieg in Frankreich in den Jahren 1562/63, der nach katholischer Sicht mit der Einnahme von Orléans durch die Protestanten begann. Auf hugenottischer Seite kämpften hier Antoine von Navarra und Louis de Condé, beide Mitglieder der bourbonischen Familie. Der Krieg wurde am 19. März 1563 mit dem Edikt von Amboise beendet, das die Rechte der Hugenotten bekräftigte. In den ersten der Religionskriege, die bis 1598 Frankreich erschütterten, griffen deutsche Fürsten noch nicht ein, wohl aber die englische Königin Elisabeth I., die die Protestanten finanziell unterstützte und dafür beabsichtigte, sich Le Havre abtreten zu lassen.

In Wassy wurde im 20. Jahrhundert die Scheune des Massakers von 1562 rekonstruiert (Bild: Wikimedia Commons/Ji-Elle). Allerdings muss man sich angesichts der Größe des Bauwerks fragen, wie hier 600, nach anderen Berichten bis zu 1200 Menschen zum Gottesdienst Platz fanden.

Lutherische vs. reformierte Schlosskapelle

Macht und GlaubePosted by Redaktion Wed, June 12, 2013 12:56:37
Die lutherische Schlosskapelle des Fürsten Ottheinrich im Schloss Neuburg. Im Gegensatz dazu ist die reformierte Schlosskapelle in Heidelberg ohne jeglichen bildlichen Schmuck, was der Ablehnung religiöser Bilder in Gottesdiensträumen entspricht.
Und das schon sehr deutliche Auftrumpfen des Pfalzgrafen über dem Altar weist deutlich auf seine reformatorische Botschaft an seinem Palast im Heidelberger Schloss hin.


Die drei Bistümer

Macht und GlaubePosted by Redaktion Wed, June 12, 2013 12:51:01
Das Territorium des Hochstifts Toul war eine der Besitzungen, die Johann Casimir von Pfalz-Lautern vom französischen König als Gegenleistung für seine Hilfe im Hugenottenkrieg für sich wollte. Das Territorium der Hochtifte Verdun und Metz stand ebenfalls auf der Wunschliste.
Das zur Ausstellung #Macht und Glaube in #Heidelberg zum Jubiläum des #Heidelberger #Katechismus.

Johann Casimir und der fünfte Hugenottenkrieg 1576

Macht und GlaubePosted by Redaktion Mon, June 03, 2013 22:43:34

1575, im fünften Hugenottenkrieg, führte Johann Casimir den protestantischen Fürsten und anderen „Unzufriedenen“, darunter dem Herzog von Alençon, eine Armee von 16.000 Söldnern zu – gegen das Versprechen einer Pension und des lebenslänglichen Besitzes der drei Bistümer Metz, Toul und Verdun. Trotz einer Niederlage, die er bereits zu Beginn des Feldzugs vom Herzog de Guise bei Dormans erleiden musste, gelang ihm dennoch, sich mit den Aufständischen im März 1576 im Charolais zu vereinigen, wobei er nebenbei Fontaine-Française, Cîteaux und Nuits-Saint-Georges plünderte.

Der französische König verhandelte sofort, und Johann Casimir erhielt im Edikt von Beaulieu eine Rente, ein Truppenkommando, das Herzogtum Étampes, die Bezahlung seiner Truppen sowie ein Lösegeld von 6 Millionen Livres, musste aber im Gegenzug auf die drei Bistümer verzichten. Auf dem Rückweg ließ er seine Truppen im Stich [?], die erneut in Burgund plünderten. Er nahm den Superintendenten der Finanzen Pomponne de Bellièvre als Geisel. Allerdings wurde ihm nichts von den Versprechungen bezahlt und 1577 verzichtete er auf den Titel eines Herzogs von Étampes.

(aus dem frz. Wikipedia-Artikel übersetzt)

Bild: Portrait Johann Casimirs von Pfalz-Simmern (1543-1592), um 1590. Öl auf Holz, 20 x 14,5 cm. Wikimedia Commons (Lagerort nicht angegeben)

Kurfürst Friedrich III. und Neuenahr

Macht und GlaubePosted by Redaktion Sun, June 02, 2013 00:18:50
Die Vernetzung des pfälzischen Kurfürsten Friedrich III. (Kurfürst 1559 – 1576) mit dem reformierten Lager wird in seiner Verschwägerung mit niederländischen Familien deutlich.

Zum einen ist er über seine Schwester Sabine der Schwager des Niederländers Lamoral Graf Egmond. Dieser war zwar anfänglich an der Revolution des niederländischen Adels gegen die katholische Zentralgewalt Spaniens beteiligt, war zwar dann auf die Seite des Königs übergewechselt und hatte seinerseits Protestanten in seinen Gebieten verfolgt, fiel dann aber dennoch der Rache Philipps und seines Statthalters, des Herzogs von Alba, zum Opfer und wurde am 9. September 1568 in Brüssel auf dem Grote Mart hingerichtet.Unbekannter Künstler: Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz, nach 1576

Der zweite an diesem Tag Hingerichtete, Graf Horn (oder Philippe de Montmorency, Graf Horn), war der Mann Anna Walburgas von Neuenahr, einer Tante Amalias zweiten Grades. Deren Bruder Hermann von Neuenahr-Moers war Vormund Amalias und sorgte für ihre Ausbildung.

Um das Maß voll zu machen: Amalias von Neuenahr erster Mann Heinrich von Brederode ist eine der führenden Persönlichkeiten des niederländischen Freiheitskampfes. Er war der Wortführer der Adelsopposition, die am 5. April 1566 der spanischen Statthalterin Margarete von Parma in Brüssel eine Bittschrift überreichte, die Inquisition abzuschaffen. Brederode, inzwischen Feldhauptmann der Reformierten, musste dann vor den Spaniern 1567 nach Emden fliehen. Bereits ein Jahr nach seinem Tod heiratete seine Witwe den pfälzischen Kurfürsten. Das ist die Stellung, in die Friedrich III. einheiratete. „Unbewusst“ wird das kaum gewesen sein. Die Grafschaft Neuenahr selbst, an der Grenze zwischen Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gelegen, fiel 1546 an das Herzogtum Jülich, wurde mit diesem 1610/14 Besitz des Hauses Pfalz-Neuburg und gehörte ab 1685 zur Kurpfalz.

Ignoranz oder Fahrlässigkeit?

Macht und GlaubePosted by Redaktion Sat, June 01, 2013 09:40:33
Die Heidelberger Rhein-Neckar-Zeitung bringt in ihrer heutigen Ausgabe einen großen Hinweis auf eine Führung in der Ausstellung "Macht des Glaubens" im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg. Dass gleichzeitig Führungen in der zweiten Abteilung derselben Ausstellung im Schloss Heidelberg stattfinden, wird weder in der Ankündigung noch im Veranstaltungskalender erwähnt.
Da das der dritte Fall ist, wo die wichtige Ausstellung im Ottheinrichsbau des Schlosses schichtweg ignoriert wird, wird man fragen müssen, wo die tiefere Ursache liegt.
Nochmal zum Mitschreiben, liebe Rhein-Neckar-Zeitung: Im Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses findet noch bis zum 15. September die Ausstellung "Macht des Glaubens" statt. Und wenn deine Mitarbeiter das Thema interessieren sollte, sind sie herzlichen eingeladen zu einer Sonderführung.

Next »